Geschichte der Winckelmann Gesellschaft

Die Winckelmann-Ehrungen hatten in Stendal schon eine bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückreichende Tradition. Öffentliche Gedenkveranstaltungen fanden seit 1835 regelmäßig am Geburtstag des Gelehrten in Stendal und seit 1841 durch die Berliner Archäologische Gesellschaft statt. 1859 wurde das von Ludwig Wichmann geschaffene Winckelmann-Denkmal enthüllt. Am Geburtshaus Winckelmanns brachte man eine Gedenktafel an. 1955 wurde das Winckelmann-Museum eingerichtet.

Die reiche Sammlung von Winckelmannia von Dr. Heinrich Segelken, der 1898 nach Stendal kam und in kontinuierlicher Vortragstätigkeit Winckelmanns Leben und Werk der Stendaler Öffentlichkeit nahebrachte, wurde zum Grundstock der heutigen Winckelmann-Sammlung. Zur Verwaltung der seit 1939 geschaffenen Winckelmann-Ausstellung und -Sammlung wurde, vor allem auf Initiative von Dr. Rudolph Grosse, 1940 die Winckelmann-Gesellschaft gegründet.

Dank des Engagements des Oberbürgermeisters gelang es in diesen schlimmen Jahren des zweiten Weltkrieges, die Winckelmann-Gesellschaft als eine unabhängige Gesellschaft zu gründen, und "vom Einfluß des Nationalsozialismus fernzuhalten", wie Grosse 1947 schrieb.

Zu den Mitbegründern der Gesellschaft gehörten namhafte Archäologen wie Gerhart Rodenwaldt, Karl Anton Neugebauer, der Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts Martin Schede, Georg Lippold, Wilhelm Kraiker, Friedrich Matz, Erich Pernice, Wolfgang Schadewaldt, Bernhard Schweitzer und Carl Weickert sowie der Kunsthistoriker Wilhelm Waetzoldt und der Germanist Walther Rehm. Bereits vier Jahre nach ihrer Gründung zählte die Gesellschaft 1126 Mitglieder im In- und Ausland.

Nach Ende des Krieges betrieb Grosse, unterstützt vom Präsidenten des Deutschen Archäologischen Instituts Carl Weickert, maßgeblich die Neugründung der Winckelmann-Gesellschaft. Von 1947 bis zu seinem Tod 1949 wirkte er als Geschäftsführer der Gesellschaft. In den folgenden Jahren hatte die Winckelmann-Gesellschaft unter dem Vorsitz von Dr. Arthur Schulz (1949-1964) die internationalen Kontakte vor allem nach Italien und Frankreich rasch neu geknüpft und ausgebaut. Im Zusammenwirken mit seinem Nachfolger Dr. Gerhard Richter (1963-1968) gelang 1955 die Gründung des Winckelmann-Museums. Unter der Präsidentschaft von Prof. Johannes Irmscher (1968-1990) und der Geschäftsführung von Dr. Max Kunze, der 1990 das Amt des Präsidenten antrat, begann die Winckelmann-Gesellschaft ihre Veranstaltungstätigkeit beträchtlich zu erweitern. So wurden außer der Jahreshauptversammlung in Stendal seit 1972 jährliche Kolloquien organisiert. Sie waren Themen, die sich mit Winckelmann, seinem Werk und dessen wissenschaftlichen Umfeld sowie den mit dem Wirken Winckelmanns verbundenen Wissenschaftsdisziplinen beschäftigten, gewidmet. Parallel dazu wuchs die Publikationstätigkeit der Gesellschaft. Dank einer geschickten und weitsichtigen Geschäftsführung konnte die Winckelmann-Gesellschaft ihren internationalen und unabhängigen Charakter bewahren und sich einer Vereinnahmung durch den Staat entziehen. Für viele Wissenschaftler bot sie eine willkommene Möglichkeit, sich mit ihren westlichen bzw. ihren östlichen Kollegen auszutauschen.

Seit 1990 boten sich für die Arbeit der Winckelmann-Gesellschaft neue Möglichkeiten, denen die Winckelmann-Gesellschaft mit der Organisation internationaler wissenschaftlicher Tagungen Rechnung trug. Für die Winckelmann-Forschung relevante Projekte wie in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz die historisch-kritische Textausgabe Winckelmanns der Arbeitsstelle Stendal und die Winckelmann-Bilddatenbank wurden begründet.

Im Mai 2000 übernahm die Winckelmann-Gesellschaft das Winckelmann-Museum in ihre Obhut. Seit dem wurden eine Reihe bedeutender Ausstellungen gezeigt, in denen neue Forschungen zu Winckelmann, zur Antike und zum 18. und 19. Jahrhundert einem breiten Publikum erstmals vorgestellt wurden.